Verstummte Töne und Geräusche

gelesen von Maria Simon

Der wortgewaltige Erzähler Roger Willemsen sagt, er erinnere sich an Städte, Länder, Landschaften, Erlebnisse oder Regionen fast nur anhand von erlebten Geräuschen. An Rom durch das ständige Surren der hochtourigen Motorinos. An Isafjördur im hohen Westisland wegen des Schlagen und Klackens eines sturmgepeitschten Fahnenmastseiles mit Karabiner vor dem Hotelfenster. Weil auch mich das einmal  genauso um den Mittsommerhellen Schlaf gebracht hat, ergeht es mir seit Willemsen Tipp genauso. Hamburgs Dampfertuten, Münchens Glockenspiel, Lissabons Tramgebimmel und Gleis- Gekreische, Vierwaldstätter See Raddampfer Geplantschte, Pfferdehufestakkado beim Palio, das Rauschen am Regensburger Schwall, das Sturmgeheul auf der Glarner Fridolinshütte und die unvergessenen Eschinger Töne und Melodien wie d Siedebuddi und abdampfende Lokomotiven.

Und plötzlich, unverhofft und unerwartet ertönt erneut ein wahrhaft  schneidendes Geräusch. Im allerwörtlichsten Sinn. Nur noch ganz wage erinnert man sich an dieses zischen aus Kindheitstagen. Auch damals schon selten, denn der Messerbalken am 13 PS Kramerbulldöggle mit seinem metallischen rattern und kreischen hat sich damals schon durchgesetzt. Vor dem stählernen  Messerbalken mähten sich die Mäder aus dem Unterland gekonnt und virtuos  in grossen Gruppen vom Schwarzwald in die Baar. Und sie brachten nebenbei die neuesten, meist deftigen Geschichten mit und belebten die Zagat- Abende am Hofbrunnen. Auch heirateten sie sich durch diese geselligen Abende in die Baar ein oder aus ihr heraus. Denn manche Magd oder Hoftochter wurde nebenbei durch diesen Heiratsmarkt der Wandermäder an den Kaiserstuhl entführt. Die Bauern, Knechte und Mägde nahmen die nicht mehr gut gepflegten und gedengelten Sensen, d Sägis, nur noch zum Ausmähen um Ecken, Bäume und Halden in die Hand. Da, wo sie mit dem klappernden, unkommoden Messerbalken nicht hinkamen.

Und urplötzlich ist es wieder da, das sanfte, rytmische Zischen in einem gleichmäßigen Tackt. Wie mit einem Metronom vorgegeben. Nur alle 2-3 Minuten unterbrochen von einem Wetzgeräusch. Auch das in einem klaren Polkatackt, linksrechts, linksrechts. Beendet mit einem klapper Klaks, wenn der Wetzstein wieder in den Kuhhorn Köcher fällt.

Wieder erlebt wurde das, als Wolfgang Köhler sich anbot, die Obsbaumwiese dieses Jahr von Hand zu mähen. Denn er hilft jedes Jahr drei Wochen lang einer Südtiroler Bergbauernfamilie Wildheue zu machen. An Steilhängen wird beharrlich von Hand mit hingebungsvoll gepflegten, kenntisreich gedengelten Sensen das Almkräutergras gemäht. Nachdem dieses gehaltvolle Wildheu dann in die Almhütten eingetragen ist, kehrt der „Schwarzwoid Wolferl“, wie ihn die Bergbauernfamilie anerkennend nennt, mit seinem Wissen und seiner Erfahrung zurück auf die Baar. Und dort lässt er seine Rasierklingen scharfen, perfekt gedengelten und gewetzten Sensensortimente durch durch das borstige Obsbaumwiesengras zischen. Es gibt sie also doch noch, die guten, hilfsbereiten Seelen und diese Zischtöne aus längst vergangenen Mädertagen.

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