Gigantismus

In Brandenburg bauen sie das größte Windrad der Welt. Es könnte die Energiewende im wahrsten Sinne des Wortes auf eine neue Stufe heben – wenn denn alles gut geht. (Süddeutsche Zeitung v. 22. 10. 2025)

In der Lausitz, inmitten eines Waldgebiets, entsteht derzeit ein Riesenwindrad. Mit seiner maximalen Rotorhöhe von 365 Metern soll es das zweithöchste Bauwerk Deutschlands werden, rangierend gleich hinter dem Berliner Fernsehturm. In solcher Höhe lasse sich mehr und gleichmäßiger Wind ernten, so das Kalkül, ähnlich wie auf See. Derlei Höhenwindräder ließen sich, so sieht es der SZ-Journalist nach seinem Baustellenbesuch, in bestehende Windparks integrieren und „im windschwächeren Bayern oder Baden-Württemberg“ einsetzen. „Für die Energiewende“, so der Chef der Baugesellschaft, „kann das der totale Gamechanger werden“: Tausende Riesenwindanlagen erträumt er sich für Deutschland, wenn es denn klappen sollte mit dem Lausitzer Prototypen auf seiner gewaltigen Fundamentplatte mitsamt zwölf Meter langen Pfählen darunter.

Windrad auf der Länge
Windradzwerg der Nullerjahre auf der Längewiese

Was für eine Perspektive für die ohnehin schon von Nah- und Fernwirkung vorhandener und geplanter Windparks bereits bedrohten Kultur- wie Erholungslandschaften! Wie hat man sich da bloß den Schwarzwald in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts vorzustellen? Oder die Schwäbische Alb? Oder die Länge? Was, wenn einer der Riesen, trotz aller Ingenieurskunst, unter einer Orkanböe zu wanken beginnt und umstürzt? Wenn aus der beschädigten Gondel SF6, das gefährliche Schwefelhexafluorid, austritt, ein vieltausendmal schädlicher wirkendes Treibhausgas als CO2? Wie hat man sich überhaupt den ökologischen Fußabdruck solcher Betonriesen vorzustellen – und das in einem Industrieland mit Vorbildfunktion, das – weltweit einzigartig – Tempolimits auf Autobahnen seinen Bürgern noch immer nicht zumuten mag, selbst wenn durch die Begrenzung auf 120 Kilometer pro Stunde (nach einer Studie des Umweltbundesamtes) jährlich 6,7 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden könnten? Und wo doch die Zementindustrie zu den allergrößten CO2-Schleudern zählt, klimaschädlicher als der gesamte Luftverkehr?

Foto von einem Windrad noch ohne Rotoren
Demnächst doppelt so hoch!

Wie es ausschaut, lässt sich mit Riesenwindrädern der Teufel mit dem Beelzebub austreiben – mit ihrem Nutzen fürs Weltklima wie mit ihrer Wirkung aufs Landschaftsbild. Fast will da Freude aufkommen, dass man die heimatliche Welt noch unversehrter hat erleben dürfen.

Demnächst zehnmal so hoch wie das Windrad auf dem Auenberg !

Schreibe einen Kommentar

The maximum upload file size: 32 MB. You can upload: image, audio, video, document, spreadsheet, interactive, text, archive, code, other. Links to YouTube, Facebook, Twitter and other services inserted in the comment text will be automatically embedded. Drop file here