Begegnungen im stadtnahen Wald

„Rennen tun Sie jetzt nimmer, gell!“ War das nun Anteilnahme oder eher eine spöttisch-hämische Bemerkung? Eine mir unbekannte Waldbesucherin mittleren Alters, die mich mit ihren beiden (ordnungsgemäß angeleinten) Mischlingen beiseitetretend passieren ließ, sprach mich so an. Und exakt dieselbe Bemerkung hatte sie sich schon vor ein paar Wochen bei einer ersten Begegnung nicht verkneifen können, während ich flotten Schrittes an ihr vorbeigeeilt war. Reichlich perplex, aber lachend antwortete ich beide Male, dass ich es mittlerweile halt etwas moderater mag. Sollte ich sie irgendwann einmal, zu Zeiten, als ich noch zu joggen pflegte, so sehr erschreckt oder ihr dermaßen imponiert haben, dass sie sich danach jedes Mal, wenn sie mich erblickte, zur nämlichen Frage veranlasst sah? Waren vielleicht ihre Hunde einst bei meinem Überholvorgang außer Rand und Band geraten, wie es bei Begegnungen mit Joggern ja nicht selten geschieht? Oder könnte es sich bei dem so eigenartig wiederholten Satz womöglich auch um ein Anzeichen einsetzender Demenz gehandelt haben? Der soll man ja, wie in den Medien neuerdings allenthalben empfohlen wird, mit viel Bewegung (zumal in würziger Waldluft) entgegenwirken – was natürlich auch zur Prophylaxe aller sonstigen Zivilisationsschäden tauge.  Im Stadtwald auf meiner Runde derart ungeniert angesprochen zu werden, ist jedenfalls ein denkbar seltenes Vorkommnis.

Seltsam ist doch allein schon, wie unterschiedlich Waldbesucher einander zur Kenntnis nehmen, wie sie aufs Grüßen reagieren: die Sportiveren zumeist mit einem knappem Hallo, egal ob männlichen oder weiblichen Geschlechts. HundehalterInnen pflegen zumindest kurz zu nicken, froh, wenn es nicht zu Stress mit ihren Lieblingen kommt. Speziell das weibliche Sicherheitsbedürfnis scheint bei Gegen- oder Überholverkehr die entscheidende Rolle zu spielen: je tiefer im Waldesinneren und je weiter vom Stadtrand entfernt, gewiss auch je spärlicher der Besucherverkehr, desto schüchterner wird Unsereinem der Gruß abgenommen. Von hinten auflaufend empfiehlt es sich allemal, sich rechtzeitig zu räuspern, um Schnappatmung bei den Überholten zu vermeiden. Gänzlich grußlos pflegen vor allem Handynutzer und Menschen mit übergestülpten Kopfhörern an einem vorbei zu schlendern. Nicht anders die (im Stadtwald allerdings seltener anzutreffenden) Kopftuchträgerinnen, denen der Blickkontakt mit männlichen Personen, gar das Grüßen derselben anscheinend noch immer verwehrt wird. Weshalb wohl auch kaum zu befürchten ist, dass die unsägliche Stadtbild-Diskussion nächstens auch auf den stadtnahen Wald überschwappen könnte. 

Ob freilich das Grüßen, wie es im ländlichen Milieu, bei Wanderern, Waldläufern und Alpinisten noch an der Tagesordnung ist, im urbanen Umfeld überhaupt überleben wird?  Barttragende, vorwiegend dunkel gekleidete Angehörige der Generation Z, ob mit oder ohne Handy und Hund, scheinen schon jetzt kaum noch geneigt zu sein, sich den Grußsitten der Altvorderen anzuschließen.

Ach ja, auch um die grüne Waldidylle steht es in Krisenzeiten nicht mehr zum allerbesten, vom Klimawandel und seinen Auswirkungen auf das Waldökosystem ganz zu schweigen. Bis in die abgelegensten Stadtwaldwinkel dringt bisweilen, jetzt erst so richtig wahrgenommen, das Tatütata von Feuerwehr- und Rotkreuzfahrzeugen, auch mal das Röhren beim Aufdrehen eines Bikers. Zuhinterst auf meiner Runde dominiert dann sogar das Geknatter von Maschinengewehrsalven (Gefechtslärm auf dem benachbarten Übungsgelände der Bundeswehr gottlob mit Übungsmunition, mit scharfer einstweilen nur auf der neuen, strenggesicherten Schießanlage bei gehisster Deutschlandfahne). Wie vertraut und friedlich sind da doch die polternden Schienengeräusche der Schwarzwaldbahn, wie sie immer wieder einmal aus dem Brigachtal herauf zu vernehmen sind. Doch vibriert da nicht eben wieder das Smartphone in der Jackentasche? Gelegentlich hämmert immerhin noch ein Specht oder gurrt eine Ringeltaube. Allenfalls an den immer selteneren Schneetagen lässt sich am Fährtenbild auch noch die Anwesenheit von Hasen, Fuchs und Reh ablesen.

Aber gell, rennen muss ich da jetzt nimmer. Egal wie: auf meine Stadtwaldrunde mag ich auch weiterhin nicht verzichten, sofern mir nur die Beine und der Motor nicht den Dienst versagen – auch das Grüßen werde ich dabei nicht lassen.

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