Mit dem Obstbau ist es bekanntlich nicht weit her in „Badisch Sibirien“, wie schon der Pomologe (und Gründer des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar) Baron Friedrich Roth von Schreckenstein (1753 – 1808) erfahren musste. Seine Idee, auf der Baar eine Auswahl von 66 Kultursorten zu etablieren, die er selbst zuvor untersucht und für anbauwürdig befunden hatte, schlug gründlich fehl. Es blieb bei einem äußerst bescheidenen Bestand an Mostbirnen- und Mostapfelbäumen um die alten Ortskerne der Dörfer herum. Daneben gab es natürlich noch die robusteren Wildobstbäume, die man im Unterhölzer zu Wildfütterungszwecken auch angepflanzt hatte, soweit sie nicht ohnehin als Waldbaumart noch vorkamen. Ihre Äpfelchen und die „Wörgele“ (die zum Würgen sauren Birnchen) pflegte man dem Most zuzusetzen, wenn es ihm nach warmen Sommern mal an Säure mangelte. Wildobst gilt auf der Baar, im Gegensatz zu anderen Verbreitungsgebieten, als noch besonders ursprünglich, weil es bei so wenigen Kulturobstbäumen seltener zu genetischer Vermischung kam.

Pomologe und Vereinsgründer Baron Friedrich Roth von Schreckenstein
Unterm Vorzeichen des galoppierenden Klimawandels mag man sich nun immerhin fragen, ob nicht die Standortstauglichkeit auch der 66 Obstsorten des Barons inzwischen auf der Baar neu bewertet werden müsste. In den zurückliegenden Jahrzehnten gab es ja kaum mehr Anlässe für Obstbauexperimente; wohl das einzige wurde hoch über dem Kaltluftsee der Baar, oben auf dem Wartenberg, realisiert. Wer dort derzeit vorbeispaziert, etwa um dabei die Herbstfarben der Kirschbäume zu bewundern, wird am oberen Rand der Obstkultur, knapp unterm Sträßchen, gänzlich unerwartet einen Strauch mit gefiederten Blättern und roten Äpfelchen entdecken – ein Rätsel selbst für den botanisch Geschulten.

Speierling (Sorbus domesticus), des Landes seltenstes Baumgewächs
Doch tatsächlich: es ist ein Speierling, und wir dürfen annehmen, dass Baron Friedrich Roth von Schreckenstein bei seinem Anblick in Entzückung geraten wäre. Denn gewiss hatte auch er den Speierling-Anbau empfohlen, genau so wie lange vor ihm schon Karl der Große in seinem Capitulare de villis, seiner Ordnung für die Bewirtschaftung fränkischer Hofgüter, mit welcher er landesweit den Anbau des Speierlings an jedem Hof angeordnet hatte. Denn die Äpfelchen ließen sich nicht nur vermosten oder zu Sperbelschnaps brennen, dessen lindernde Wirkung wurde auch bei Magenschmerzen in den alten Kräuterbüchern empfohlen.
Das heutige Hauptvorkommen des Sperbelbaums sind Streuobstwiesen in der milden Vorbergzone der Rheinebene. Das stärkste Exemplar des Landes hat der Bildtextband Begegnung mit Bäumen mit einem stattlichen Umfang von 3,60 Metern dokumentiert, der bei Ölbronn im Kraichgau stand*. Mag sein, dass der Name Sperbelhalde (einem Hang unweit des Schächers) auf die vergeblichen Bemühungen des Barons zurückzuführen ist, den Speierling auch auf der Baar einzubürgern.
Dass diese Baumart, wie die mit ihm verwandten Ebereschen und Mehlbeerbäume, auch im Wald milderer Höhenlagen natürlich, wenn auch inzwischen höchst selten vorkommt, ist weithin in Vergessenheit geraten. Er erreicht dort ein Alter von bis zu 400 Jahren, Baumhöhen bis zu 30 Metern und sein äußerst schweres und hartes Holz war einst für die Herstellung von Achsen, Speichen und Kelterpressen sehr gesucht. Klar ist immerhin, dass das strauchförmige Exemplar auf dem Wartenberg, ob versehentlich oder absichtlich, im Zuge des Obstbauexperiments mit angepflanzt worden sein muss. Womöglich werden sich aus seinem prächtigen Gedeihen und Fruktifizieren dort unterm Eindruck des Klimawandels neue Anbau-Empfehlungen ableiten lassen.

Neue Perspektiven für den Obstbau auf der Baar?
*Hockenjos, W.: Begegnung mit Bäumen. DRW-Verlag, Stuttgart 1978