Der Preis der Anpassung

Warum Beschwichtigung kein Charakterfehler ist – sondern eine von Kindestagen an gelernte Reaktion.

Es gibt einen Satz, den viele Menschen häufiger denken, als sie zugeben: „Bist du sauer auf mich?“ Er wirkt harmlos, fast freundlich und rücksichtsvoll. Und doch steckt in ihm oft etwas anderes und zwar Angst. In der Psychologie spricht man inzwischen von einer vierten Stressreaktion neben Kampf, Flucht und Erstarren, vom sogenannten „Fawning“. Dieses Wort bezeichnet:

Anpassung.
Beschwichtigung.
Unterwerfung.
Deeskalation.
Bambi-Reflex.

Die Idee dahinter ist genau so einfach wie unbequem. Wenn weder Kampf noch Flucht möglich sind, wenn Erstarren nicht reicht, versucht das Nervensystem etwas anderes. Es versucht, die Situation zu beschwichtigen. Nicht durch Widerstand, sondern durch Anpassung. Menschen werden freundlich, verständnisvoll, nachgiebig. Sie stimmen zu, sie relativieren sich selbst, sie nehmen sich zurück. Nicht, weil sie keine Meinung hätten, sondern weil es so sicherer ist.

Im Englischen wird manchmal auch der Begriff „appeasement“ für „fawning“ verwendet. Ein bekanntes Wort aus der Politik und ein unangenehmes Wort im Alltag. Der entscheidende Unterschied ist, Fawning ist keine bewusste Strategie sondern eine unbewusste Reaktion.

Im Buch „Bist du sauer auf mich?“ von Meg Josephson wird genau das beschrieben. Wie Menschen lernen, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, um Konflikte zu vermeiden, um gemocht zu werden, um nicht abgelehnt zu werden und wie tief dieses Muster gehen kann. Fawning zeigt sich nicht laut sondern leise. Man sagt selten Nein oder nur mit langem Zögern und immer mit schlechtem Gewissen. Man überlegt vorher, wie etwas ankommen könnte und danach fast zwanghaft, ob es falsch war.

Man übernimmt die Verantwortung für die Gefühle anderer Menschen.

Man vermeidet Konflikte um jeden Preis und passt die eigene Meinung an. Die Gedanken kreisen dann in der Nacht um: Habe ich etwas falsch gemacht? War das zu viel? War das unpassend? Ist jetzt jemand verärgert?
Gefühle wie Scham, Unsicherheit und Schuld folgen meist grundlos und ohne klaren Anlass. Gerade dieses Schuldgefühl ist zentral, es gehört nicht zur Situation, es gehört zum Muster des Fawnings und ist eine Reaktion des Nervensystems und erzeugt auf Dauer Schlaflosigkeit und somit Stress.

Und genau hier wird es interessant für die Mechanik der Mikromacht, denn solche Reaktionen entstehen nicht im luftleeren Raum. In einer Welt, in der Anpassung belohnt wird, in der Harmonie über alles gestellt wird, in der Widerspruch als Problem gilt, ist Fawning nicht ungewöhnlich. Weil es ist funktional!

Nicht nur historisch war die Anpassung für viele Menschen notwendig. Frauen, marginalisierte Gruppen, eigentlich alle, die abhängig sind, müssen sich anpassen – und vor allem auch Kinder. Nur die Oberschicht kann sich Exzentrik leisten. Sich anzupassen ist also keine Schwäche, sondern eine tief verankerte Überlebensstrategie. Ein Zitat aus dem Buch von Meg Josephson bringt es auf den Punkt: „Was ist der „Bambi-Reflex“ anderes als der Versuch, sich in ein Schema einzufügen (…) das eine dominante Gesellschaft für akzeptabel hält?“

Es wird in der Kindheit antrainiert und verfestigt. Die Gesellschaft liefert den Rahmen und das Nervensystem reagiert.

Fawning ist nicht nur für andere schwer erkennbar sondern auch für einen selbst. Nach außen ruhig wirken, während innen Alarm herrscht. Denn was von außen wie Freundlichkeit aussieht, kann innen Verzicht sein.

Die Grenze zwischen echter Rücksicht und Selbstaufgabe ist schmal.

Und genau deshalb führt der Weg hinaus oft über einen unangenehmen Schritt: Grenzen setzen!

Das klingt einfacher, als es ist, denn wer lange angepasst war, gerät leicht ins andere Extrem und wird laut, hart und abwehrend. Auch das ist Teil des Prozesses!

Entscheidend ist etwas anderes: Nein sagen ist kein Angriff. Und es ist schon gar kein Integritätsbruch!
Im Gegenteil. Es kann der erste Schritt zurück zur eigenen Integrität sein. Denn Integrität bedeutet nicht, immer ruhig zu bleiben oder immer angenehm zu sein oder es allen recht zu machen. Integrität zeigt sich unter Druck. Und manchmal zeigt sie sich genau dort, wo jemand zum ersten Mal Nein sagt. Darin liegt auch die Verbindung zu den anderen Texten dieser Reihe.

Zum Ton.
Zur Bewertung.
Zum Schweigen.
Zur Sichtbarkeit.
Zur Integrität.

Wer gelernt hat, dass Widerspruch Folgen hat, passt sich an. Und wer sich anpasst, verschwindet. Wer verschwindet lebt im Dauerstress. Wer im Dauerstress lebt wird krank.

Fawning ist kein individuelles Problem.

Es ist eine logische Reaktion auf eine Umgebung, die Anpassung belohnt und Abweichung sanktioniert. Und genau deshalb lohnt es sich, es zu erkennen. Nicht, um sich zu verurteilen, sondern um zu verstehen, woher dieses Verhalten kommt und wo es vielleicht nicht mehr nötig ist.

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