Wehrdienstzersetzung

Wehrkraftzersetzung?

Zu Weihnachten 1961, sechs Jahre nach Gründung der Bundeswehr, schenkte ich meinem Vater eine Sammlung selbstgefertigter Karikaturen, die aus dem Alltag bei den Mittenwalder Gebirgsjägern stammten. Dorthin war ich – wunschgemäß – eingezogen worden, nachdem mir die Musterungskommission gleich nach dem Abitur die Wehrdiensttauglichkeit bescheinigt hatte. „Mit allem schuldigen Respekt“, so vermerkte ich in der „Gebrauchsanleitung“ meiner Blätter, wolle ich damit meinem (als Weltkriegsveteran vorbelasteten) Vater vermitteln, „dass sich auch zu Zeiten der Überschalljäger und Superbomben hie und da Situationen ergeben, die Vätern und Großvätern aus deren eigener Praxis wohlvertraut erscheinen werden.“ Will heißen: Wehrdienst, gleich welcher Art und in welcher Bedrohungslage, hat nicht nur düstere Seiten – zumal bei der Gebirgstruppe.

„San mir die solzn Alpenjager“ (aus einem Marschlied der Gebirgstruppe)

Daran wurde ich am 6. Dezember 2025, dem Nikolaustag, erinnert, als im Berliner Reichstag das neue Wehrdienstgesetz beschlossen wurde; begleitet wurde dieser heikle gesetzgeberische Akt allenthalben von Demos zahlloser Jugendlicher, die sich darüber entrüstet zeigten, dass ausgerechnet sie, die Betroffenen, nicht gefragt worden seien. Für Deutschland erschossen zu werden, so las man es auf Transparenten und Plakaten, nein danke!

Doch ab 2026 haben 18jährige Jugendliche (die männlichen obligatorisch, die weiblichen freiwillig) nun also einen Fragebogen aus dem Verteidigungsministerium auszufüllen, der Auskunft geben soll über den Fitnesszustand der Befragten, vor allem über deren Bereitschaft zu dienen. Sollte sich die benötigte Zahl an Soldaten nach dem Freiwilligkeitsprinzip nicht realisieren lassen, so soll die im Jahr 2011 ausgesetzte Wehrpflicht für Männer wieder in Kraft gesetzt werden; für die Frauen wird es hierzu erst noch einer Grundgesetzänderung bedürfen, wie sie unter den gegenwärtigen parlamentarischen Kräfteverhältnissen freilich nahezu ausgeschlossen ist.

Flugabwehr bei der Gebirgstruppe

Wann jemals ist Wehrpflicht so schonend, ja, so weichgespült wiedereingeführt worden? Und wann war Mitteleuropa, wann die Bundesrepublik stärker bedroht als seit dem Einfall Putins in die Ukraine? Damals, in den 1960er bis in die 1990er Jahre war es „nur“ der Kalte Krieg mit seinem atomaren Säbelrasseln beidseits des Eisernen Vorhangs; was dazu geführt hat, dass Keiner danach gefragt wurde, ob er denn gewillt ist, als „Bürger in Uniform“ seiner Wehrpflicht nachzukommen. Verweigerer hatten immerhin die Möglichkeit, Ersatzdienst zu leisten. 

Seit vier Jahren tobt unterdessen ein heißer Krieg – keine zwei Flugstunden von uns entfernt. Und es finden auch hier täglich hybride Attacken mit Aufklärungsdrohnen statt, derweil Moskau obendrein mit seinem Atomraketenarsenal droht. All dies bei zunehmender Durchlöcherung des Nato-Schutzschirms durch einen exzentrischen US-Präsidenten. Wie soll da mal nicht von „Zeitenwende“, nicht von „Verteidigungsfähigkeit“, von „Kriegstüchtigkeit“ die Rede sein?

Anno 1961, zu Zeiten des Verteidigungsministers Franz-Josef Strauß selig, glaubte ich meinem Vater noch versichern zu müssen: „Sollte sich bei aller Einfalt und Skurrilität meiner Zeichnungen versehentlich ein makabrer Unterton eingemischt haben, so sind – angesichts der leider viel weniger komischen Weltlage – Ähnlichkeiten mit wirklichen Begebenheiten oder gar mit lebenden Personen rein zufälliger Natur!“

Ob sich unsere Gesellschaft soweit entstauben lassen wird, dass sie von Moskau und Washington als verteidigungsfähig, von Putin als unangreifbar wahrgenommen wird?

Stubendurchgang des UvDs (des Unteroffiziers vom Dienst)

1 Gedanke zu „Wehrdienstzersetzung“

  1. Lieber Wolf Hockenjos!
    Danke für den schnellen Input.
    Wehrpflicht zum Ersten – und keiner geht hin; das wärs, oder?
    wir wollen keinen krieg und tun alles, damit keiner ausbricht!
    waffenstillstand vor der kriegserklärung bitte!
    mit rüstung bis an die zähne kriegen wir keinen friedlichen ton mehr heraus.
    freundschaft und solidarität sind unsere aufgabe.
    salute
    büro für wehrkraftzersetzung
    kiel-gaarden ecj26

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