Palmström steht an einem Teiche
und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:
Auf dem Tuche ist eine Eiche
dargestellt sowie ein Mensch mit einem Buch.
Palmström wagt nicht, sich hineinzuschneuzen.
Er gehört zu jenen Käuzen,
die oft unvermittelt nackt
Ehrfurcht vor dem Schönen packt.
Zärtlich faltet er zusammen,
was er eben erst entbreitet.
Und kein Fühlender wird ihn verdammen,
weil er ungeschneuzt entschreitet.
>Christian Morgenstern 1906
Palmström mit seinem roten Taschentuch – das war mal. Es gibt sie kaum mehr im Handel, schon gar nicht in Rot und bedruckt mit idyllischen Motiven. Und wer dennoch welche benutzt, der läuft Gefahr, als unbelehrbarer Vorgestriger eingestuft zu werden. Denn geschnäuzt (lt. Duden neuerdings mit ä statt mit e) wird nur noch in papierene Tempotaschentücher. Für deren Herstellung werden zwar täglich 400 Tonnen Zellstoff benötigt, erfährt man bei Google. Doch wen juckt so was, wo doch das hierzu benötigte Holz vorwiegend aus skandinavischen Großkahlschlägen und kaum aus heimischen Wäldern stammt. Schnäuzen – und weg damit! Spätestens nach ein paar Wochen ist das Papier dann ja wohl verrottet und fällt nicht mehr unangenehm auf längs der Spazierwege oder wo sonst noch überall. Und wen kümmert da noch ihr ökologischer Fußabdruck, ob beim Produktionsprozess ihr Holz-, Energie- und Wasserverbrauch oder ob im Sulfit- oder Sulfat-Verfahren hergestellt mitsamt deren enormer Gewässerbelastung. Erinnert sei an die schaumige und stinkende braune Wutachbrühe, so lange es der Neustädter Papierfabrik noch an einem geeigneten Klärverfahren fehlte. 1929 meldeten die Vereinigten Papierwerke Nürnberg beim Reichspatentamt ein Warenzeichen an für das erste Papiertaschentuch aus reinem Zellstoff, das den heute allgegenwärtigen Namen Tempo erhielt. Da wundert es nicht, dass sich Nürnberg neuerdings stolz als „recyclingpapierfreundlichste Stadt Deutschlands“ präsentiert.
Doch wann immer die Nase tropft – was gäbe man da für ein großformatiges Herrentaschentuch aus hand- und kochfestem Stoff mit der Chance auf Mehrfachnutzung! Ob mit oder ohne Schnupfen, zumal bei älteren Semestern und in der kalten Jahreszeit ist das Schnäuzen ein Dauerzwang, Doch es schnäuzt sich halt herzhafter in ein Schnupftuch als in die filigranen Tempos – verbunden mit permanentem Aufreißen der Packung und anschließender Frage: wohin mit dem gebrauchten Papier?
Worin mag bloß der tiefere Grund liegen, der die heutigen „Käuze“ daran hindert, in Stofftaschentücher zu schnäuzen, so wie es Jahrhunderte lang üblich war? Nicht einmal mehr das Winken mit dem Taschentuch ist beim Abschiedsnehmen noch gesellschaftsfähig, allenfalls das Einstecktuch im besten Zwirn ist noch erlaubt. Ist die Hinwendung zum Tempotaschentuch allein der Macht des Marktes oder der Hygiene geschuldet, sind es die Ansteckungsängste vor chronischen Atemwegserkrankungen oder vor noch Schlimmerem? Gelten Stofftaschentücher à la Palmström mittlerweile als ganz und gar unappetitlich, weil sie ja doch nie nach nur einmaligem Gebrauch ausgewechselt und in die Kochwäsche befördert werden? Doch welcher „Fühlende“ (Christian Morgenstern) wird uns „Käuze“ heute allen Ernstes verdammen, weil wir in alter Gewohnheit zum Schnäuzen noch das Schnupftuch aus der Hosentasche ziehen und es nach Abschluss des unerquicklichen Vorgangs auch wieder darin verwahren?
Nächstens muss ich meine Frau bitten, mir noch meinen Geburtstagswunsch zu erfüllen: Endlich mal wieder ein paar neue Herrentaschentücher. Ob sie wohl irgendwo noch welche auftreiben wird? Oder ob sie streikt?

Vielen Dank Wolf Hockenjos für das Benennen einer wirklich schlechten Angewohnheit!
Gerne möchte ich noch darauf hinweisen, dass Taschentücher so produziert werden, dass sie besonders reißfest sind und sich langsam zersetzen. Jeder der früher mal aufs Versehen Taschentücher in der Waschmaschine hatte, kennt den Unterschied zu heute. Das Papier soll in der Waschmaschine nicht so üble Fetzen hinterlassen und deswegen enthalten sie heute bedenkliche Stoffe.
Wie schnell sich ein Taschentuch zersetzt, hängt auch von äußeren Einflüssen ab, etwa Feuchtigkeit, Temperatur oder Lichteinstrahlung. Im ungünstigsten Fall kann es laut „Schutzgemeinschaft Deutscher Wald“ bis zu fünf Jahre dauern, bis ein Papiertaschentuch zersetzt ist.