Das Bräunlinger Chamäleon

Das Bräunlinger Chamäleon

5. Januar 2022 1 Von Peter Albert

Sehr viel Schwerlastverkehr rollt über die Straßen des Hüfinger Südens. Hierzu gehören die Schaffhauser Straße, die Dögginger Straße und die Bräunlinger Straße. Belastet werden aber nicht nur die Anwohner dieser vielbefahrenen Verkehrswege, sondern auch am Hexenberg, am südlichen Abhang des Hohen, große Teile des Wohngebietes Mönchshof und der Bereich um das alte Krankenhaus herum.

Für den überwiegenden Anteil des Schwerlastverkehrs durch Hüfingen sind die Bräunlinger Gewerbebetriebe verantwortlich. Und hier zum allergrößten Teil die Firma Straub-Verpackungen. Nicht erst seit der Coronapandemie expandiert diese Firma überdurchschnittlich. Die firmeneigenen Straub-Lkws können die anfallenden Transporte bzw. den Werkspendelverkehr schon seit vielen Jahren nicht einmal mehr im Ansatz meistern. Deshalb fahren auch externe Speditionen für Straub-Verpackungen zum Beispiel: die Speditionen Dold Buchenbach, Mayer Bräunlingen und seit Neuestem die Spedition Trans International Sped NCA aber auch ausgemusterte Fahrzeuge anderer Firmen wie zum Beispiel von Sto und „Egginger“. Gerade in den frühen Morgenstunden und spät abends fahren die Lastwagen schneller als es die vorgeschriebene Geschwindigkeit erlaubt.

Die Geschäftsleitung lenkt so auch geschickt vom eigentlichen Verursacher, den – Straub-Verpackungen – ab, da die Fahrzeuge für den Außenstehenden nicht der Verpackungsfirma zugeordnet werden können.

Straub betreibt ein Zweitwerk in Blumberg, von wo aus die dort hergestellten Waren zur Endkontrolle wieder nach Bräunlingen zurückgefahren werden müssen. Warum auch immer. Zwischen den beiden Standorten setzt früh morgens gegen 4:00 Uhr Werkspendelverkehr mit den erwähnten Lkws ein, der bis spät in die Nacht andauert und unter anderem durch die oben genannten Wohnstraßen führt. Sehr zum Ärger der Anwohner. Mit großer Sorge beobachten wir Betroffene dieses unschöne Verkehrsszenario, welches eindeutig zu Lasten großer Teile der Stadt Hüfingen geht.

Vermutlich ist dieser umweltschädliche Produktionsablauf etwas günstiger und renditeträchtiger für den Bräunlinger Verpackungshersteller. Da Straub im Mehrschichtbetrieb arbeitet, haben die betroffenen Anwohner auch nachts keine Ruhe mehr.

Durch den Bau eines riesigen Lagers in der Retentionsfläche Niederwiesen, welches viel zu nahe an der Breg liegt, hat sich die Lage zusätzlich noch verschlimmert.

Eine Retentionsfläche ist eine neben einem Fließgewässer meist tiefer liegende Fläche, die im Hochwasserfall als Überflutungsgebiet sehr hilfreich sein kann.

Wie wäre es wohl, wenn es anders herum wäre? Die vielen Gewerbeflächen in Hüfingen und der Schwerlastverkehr würde Bräunlingen überschwemmen. Da wäre sicherlich „halb Vorderösterreich“ auf den Barrikaden. Doch Spaß beiseite.

Der Transportbetrieb ist in Deutschland nach wie vor viel zu günstig und belastet die Umwelt durch einen hohen CO2 Ausstoß und Lärm. Aber auch die Belastung der Verkehrswege ist außergewöhnlich hoch. Vielen Steuerzahler*innen ist nicht bekannt, dass ein großer Lkw die Fahrbahn so stark wie 20.000 (!) Pkws schädigt! Für die Reparatur kommt aber die Allgemeinheit auf. Hinzu kommt, dass die Papier- und Pappeherstellung alles andere als umweltschonend ist.

Der Papierverbrauch liegt hierzulande so hoch wie nirgendwo bei den wichtigsten Industrie- und Schwellenländern und beträgt etwa 240 Kilogramm pro Jahr pro Kopf. Fast die Hälfte entfällt auf Verpackungen.

Die Herstellung einer Tonne Frischfaserpapier benötigt heute etwa genauso viel Energie wie die Produktion einer Tonne Stahl.

Kurioserweise gibt sich die Firma Straub-Verpackungen auf ihrer Website als nachhaltiges und umweltbewusstes Unternehmen. Dies grenzt meines Erachtens an Augenwischerei. Einer der Firmeninhaber von Straub, der die Wellpappe als „Schmiermittel der Volkswirtschaft“ bezeichnet, hat sich vor geraumer Zeit in der Presse umfassende Gedanken um die Nachfolge in seiner Geschäftsleitung gemacht. Ebenso sinnvoll wäre es vielleicht einmal, wenn sich die Firmenleitung auch Gedanken um die ohnehin schon unverhältnismäßig stark belasteten Anwohner entlang der Werksverkehrsstrecke oder ganz allgemein um die geschundene Umwelt machen würde. Oder liegt es einfach nur daran, dass die meisten Entscheidungsträger an idyllischen und ruhigen Orten wohnen und sich nicht in andere Menschen hineinversetzen können oder wollen?

Um die Aufenthaltsqualität ist es jedenfalls im Hüfinger Süden und auch in großen Teilen des städtischen Friedhofs sehr schlecht bestellt.